Buchrezension

Buchrezension

Carsten Sebastian Henn

Der Gin des Lebens

Wie immer habe ich dem neuen Henn entgegengefiebert. Bisher habe ich jeden Eichendorff und Bietigheim gelesen und geliebt. Nun muss ich sagen, bin ich sehr enttäuscht. Nicht, dass der letzte Gin – pardon, der Gin des Lebens – ein schlechtes Buch wäre, ganz im Gegenteil. Ich bin enttäuscht von der Kurzweiligkeit des Romans. Ich bin enttäuscht davon, dass es schon aus ist mit der wunderbaren Geschichte um Cathy und Matt Callaghan, Bene Lerchenfeld und einen einmaligen Gin. Ich hätte gerne noch einige hundert Seiten mehr gelesen. Doch andererseits ist es gut, denn das Buch umfasst keine Seite zu wenig und keine Seite zu viel. Wie immer sind die Charaktere wundervoll gezeichnet, mit der typisch Hennschen Marotterie. Besonders die Nebencharaktere sind für solche sehr gut ausgearbeitet. Ich liebe den alten Militärhistoriker mit seinen erschlagenden Wälzern, das alles über Männer wissende Teeniemädchen und die alte Dame, die seit Jahrzehnten den Kanal durchschwimmen will. Jeder Charakter besitzt seine Eigenheiten, Ecken und Kanten. Besonders die Hauptcharaktere, deren vielschichtige Familiengeschichte nach und nach erzählt wird.
Bei diesem Roman handelt es sich nicht um einen Standardkrimi, obwohl kriminelle Handlungen im Laufe der Geschichte geschehen und aufgelöst werden.
Zudem habe ich den Ausflug nach Plymouth genossen, der wie immer sehr gut recherchiert und plastisch beschrieben daherkommt. Man kann beinahe die salzige Brise riechen (mir als Küstenbewohner fällt das ja nicht schwer). Und auch wenn mein Magen derzeit keinen Alkohol verträgt und ich Gin nicht wirklich mochte, hätte ich nach der Lektüre große Lust, einmal eine oder zwei gute Flaschen Gin zu probieren. Als ehemaliger Whisky-Kenner bin ihc für solche Dinge ja offen.
Es handelt sich nicht wirklich um ein Drama, denn dafür enthält es zu viel Humor und Witz. Aber die Handlung entspinnt sich sehr dramatisch und jedes Mal, wenn man denkt, es könnte nicht mehr schlimmer kommen, irrt man sich. Bis zuletzt war mir schleierhaft, wie der von Herrn Henn angerichtete Schlamassel sich wohl auflösen ließ. Meiner Meinung nach hat er dies jedoch auf eine brillante und nicht alltägliche Art getan. Ganz sicher (denn zum Glück gibt es ja auch das Hörbuch) werde ich den Roman ein zweites Mal konsumieren, um all die kleinen Details zu entdecken, die mir beim ersten Lesen untergegangen sind.
Zur Spannung kann ich nur sagen, dass ich das Buch in einem Rutsch durchgelesen habe und dennoch immer wieder eine Pause brauchte, um einen Tee zuzubereiten. Denn Tee ist – wie im Roman erläutert – die britische Art der Meditation. Diese Tees und die dazugehörigen Pausen benötigte ich, um die erlesenen Sachverhalte zu verarbeiten und weil ich nach einigen Wendungen einfach fix und fertig war. Die Identifikation mit den Protagonisten ließen mich mitleiden und zerrten an meinem emotionalen Nervenkostüm. Den bösen Buben hätte ich direkt eine in die Beißleiste brettern können, dass das ganze Firmament erzittert. Das musste mal gesagt werden. Gut gemacht Herr Henn!
Außerdem brachetn mich die diversen Anspielungen aus Literatur und Popkultur immer wieder zum Schmunzeln.
Carsten versteht es nicht nur, beinahe unerträgliche Spannung aufzubauen, sondern nimmt den Leser auch immer mit auf eine emotionale Reise zwischenmenschlicher Beziehungen. Das hebt ihn aus den Reigen der nichtssagenden Kriminalschreibern, die derzeit den Buchmarkt serienweise überschwemmen, heraus und lässt ihn wie einen Leuchtturm das Büchermeer erhellen. Vielen Dank für diese atemberaubende und kurzweilige Reise.

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